Überfliessende Himmel

 

Meiner Meinung nach ist die sprachliche Schönheit Rilkes unübertrefflich. Was kann man dazu noch sagen, ausser das Gedicht in seiner Kraft und Weisheit stehen zu lassen. Ich will es deshalb nicht interpretieren, mir aber Gedanken machen zur Zeile: Statt in die Kissen, weine hinauf.

Zum Gedicht:

Überfliessende Himmel

Überfliessende Himmel verschwendenter Sterne
prachten über der Kümmernis. Statt in die Kissen,
weine hinauf. Hier, an dem weinenden schon,
an dem endenden Antlitz,
um sich greifend, beginnt der hin-
reissende Weltraum. Wer unterbricht,
wenn du dort hindrängst,
die Strömung? Keiner. Es sei denn,
dass du plötzlich ringst mit der gewaltigen Richtung
jener Gestirne nach dir. Atme
Atme das Dunkel der Erde und wieder
aufschau! Wieder, leicht und gesichtslos
lehnt sich von oben Tiefe dir an. Das gelöste
nachtenthaltene Gesicht gibt dem deinigen Raum.

Statt in die Kissen, weine hinauf.
Vielen Menschen ist es ein wenig peinlich, wenn sie von ihrer Trauer überwältigt werden. Zeiten der Trauer, erst recht, wenn sie sich in Tränen ausdrücken, sind so persönlich, intim, dass manchmal das Bedürfnis aufkommt, sich dabei zu verstecken, ins Kissen zu vergraben. Bei Männern öfter als bei Frauen.

Der weinende Mensch ist mir ein bisschen heilig. Er ist sich und dem Freund so nah, so zerbrechlich, zart, unausweichlich echt.

Unausweichlich, weil dann keine Schummrigkeiten, keine Halbwahrheiten Platz haben.

Deshalb ist der Tränen übersäte Blick nach oben so köstlich. Vor allem in dem Moment, wo himmlisches Licht in die Tränen fällt. Tränenlicht.

Die Tränen der Trauer und die Tau-Tropfen des Trostes vereinigen sich nun und es entstehen so etwas wie Diamanten.

Es ist ähnlich, wenn Trauernde zu tanzen beginnen – oder zu singen. Blues!

Das Schmelzende in der wahren Trauer lässt uns weich werden und was oben ist, kommt uns entgegen, uns umarmend.
«Leicht und gesichtslos lehnt sich von oben Tiefe dir an.»

 

Hier  nochmals mit Stimme, Musik und Bild – klicken:

Ein Gedanke zu „Überfliessende Himmel“

  1. Lieber Werner
    Ja unübertrefflich, wie Du sagst, die sprachliche Schönheit Rilkes, eine magisch-spirituelle Sprache, eine einzigartige Lyrik! „Überfliessende Himmel“ oder „Statt in die Kissen, weine hinauf“ sind aussergewöhnliche Worte. Sie sind erlösend, tröstend erleichternd, geben Hoffnung, Mut, Weite. Rilke lädt zum Leben ein.

    Die schöne Stimme von Hannelore Elsner, ihre ganz persönliche Interpretation des Gedichtes in Verbindung mit der neu komponierten Musik, mit dem Bild eine Symbiose bildend, entstand etwas ergreifend Zeitloses, das direkt zu Herzen geht. Unübertrefflich und wunderschön!

    Ich werde an das Rilke-Projekt erinnert, in welchem 12 Künstler unserer Zeit die schönsten Gedichte Rilkes singen und sprechen und verbunden mit einfühlsamer Musik mich aus dem Alltag auf eine poetische Reise fortführen „bis an alle Sterne“.

    Rilke ist ein wunderbarer, weiser Mensch. Er bittet uns Geduld zu haben gegen das Ungelöste im Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in fremder Sprache geschrieben sind. Nicht nach den Antworten zu forschen, die uns nicht gegeben werden können, weil wir sie nicht leben können. Es geht darum, alles zu leben. Wir sollen jetzt die Fragen leben. Vielleicht würden wir dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antworten hineinleben.

    Werner, Du hast nur eine Zeile aus dem weisen und kraftvollen Gedicht Rilkes herausgegriffen. Deine Gedanken
    dazu sind tief und unübertrefflich schön!

    Vielleicht sollte ich mir wieder einmal Rilkes Buch „Briefe an einen jungen Dichter“ vornehmen, das ich mir gekauft habe, nachdem ich mit einer damaligen Freundin den Turm in Raron aufgesucht habe, in dem sich Rilke oft aufgehalten hat, als er in der Nähe des Chateau de Muzot oberhalb von Sierre wohnte. Ich fand das Buch sehr klug, da es an existentielle Fragen rührt und anregt, seinen eigenen Weg zu gehen, unabhängig zu bleiben und sich der Ernsthaftigkeit des Lebens zu stellen, statt sich zu verstellen.

    Ich finde Deine letzte Themenwahl schön!
    Doris

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